Frauen könnten alles – wären da nicht die Männer

Frauen, vor allem Mütter, haben gelernt, eine Vielzahl von Aufgaben souverän zu meistern. Sie sind Lasttier und Psychologin in Personalunion. Sie sind gebildet, qualifiziert, ehrgeizig. Doch der Klub solidarischer Brüder hindert sie an der Karriere – er lässt den Wettbewerb einfach ausfallen.

Frauenquote

Müssen Männer besser geschützt werden? Die jungen Liberalen jedenfalls sind gegen eine Frauenquote (Foto: picture-alliance / dpa/dp)

Daran wird man sich wohl gewöhnen müssen“, sagt der Herr neben mir auf dem Abendflug nach Düsseldorf, halb zu mir, halb in seine Zeitung. Ich brummte und nickte leicht, meine Zustimmung signalisierend. Woran gewöhnen? „Flugkapitän Nicole Brackmann und ihre Besatzung begrüßen Sie sehr herzlich ?“ Eine Frau! Eine Frau fliegt uns! Man(n) macht sich so seine Gedanken über eine Pilotin.

Wer macht sich Gedanken über einen Piloten? Frauen genießen hier offenbar nicht das Vertrauen, das Männern entgegengebracht wird. Ist es nur das Ungewöhnliche? Oder liegt es tiefer? Was traut man ihnen nicht zu? Dass sie nicht kraftvoll genug die Kippschalter umlegen? Dass sie nicht entschieden genug das Höhenruder herumreißen? Dass sie aus lauter Spaß an der Freud noch ein paar zusätzliche Warteschleifen fliegen?

Nein, wir wissen natürlich, dass Männer nur noch ihre größere Maximalkraft in die Waagschale werfen können, Frauen aber ansonsten entwicklungsgeschichtlich vollständiger ausgestattet sind. Aber das irritiert den herrschenden Männerklub nicht sonderlich, schon gar nicht, wenn es um die Besetzung von Führungspositionen geht.

Spott als Disziplinierungsmittel

Abermals eine Vertrauensfrage: Männer als Führungskräfte besitzen von vornherein einen großen Vertrauensvorschuss, und zwar unabhängig von ihrer Leistung, die sie mit ihrem Team erreichen. Frauen werden erst bei guten Ergebnissen akzeptiert. Frauen müssen sich erst einmal beweisen, bevor sie anerkannt werden. Ein Mann ist für seinen Beruf tauglich, bis er sich als untauglich erwiesen hat. Eine Frau ist für ihren Beruf untauglich, bis sie sich als tauglich erwiesen hat.

Daher ist es immer noch erheblich risikoreicher und damit erklärungsbedürftiger, eine Frau zur Führungskraft zu machen, mehr noch: sie einem Mann vorzuziehen. Wer sich für eine Frau als Führungskraft entscheidet, übernimmt damit eine größere Verantwortung. Empfehle ich eine Frau für die Besetzung einer Vorstandsposition, steigt der Rechtfertigungsaufwand um den Faktor zehn. Einmal inthronisiert, haben sie es doppelt schwer. Sie stehen unter einem größeren Beweisdruck als Männer. Im Business müssen sie die besseren Männer sein – und dann wirft man ihnen vor, dass sie vermännlichen.

Da man ja heute Frauen nicht mehr an den Herd zurückprügeln kann, ist Spott das beste Disziplinierungsmittel: Ist sie schlagfertig, hat sie Haare auf den Zähnen; zeigt sie ihre Gefühle, ist sie eine Heulsuse; beherrscht sie sich, ist sie ein Eisberg; arbeitet sie lang und hart, ist sie mit ihrem Beruf verheiratet; hat sie Erfolg, ist sie ein Karriereweib. Logik ist bei ihr kühle Berechnung, Intelligenz ein Schönheitsmakel.

Kind und Karriere?

Dennoch warten Frauen – und unter ihnen vor allem die Mütter – zu Hunderttausenden auf ihren Einsatz, seit Jahren, mitten in diesem Land. Ungeachtet der Schwierigkeiten halten sie das Leben in Unternehmen für erstrebenswert. Aber lässt man sie? Wir haben die bestausgebildete Frauengeneration, die es in unserem Land je gab. Aber die Optionen sind immer noch Gebärstreik oder Dauerstress zwischen Büro und Kinderzimmer. Lediglich 58 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter arbeiten.

Die weitaus meisten Frauen, deren Job den Namen Karriere verdient, sind kinderlos. Frauen mit Kindern sind aus dem Beruf verschwunden oder krebsen unterfordert auf Teilzeitjobs herum. Weil die Arbeitszeit vielfach immer noch starr und Kinderbetreuung selten ist. Gerade mal 15 Prozent der Mütter von Grundschulkindern sind im Westen der Republik voll berufstätig. Im Management sind sie immer noch die Ausnahme, im Top-Management kommt ihnen gar Exotenstatus zu. Ganz an der Spitze findet man sie fast nie.

Weil sie weniger Alkohol vertragen? Langsamer essen? Schlechter einparken? Die Kienbaum-Beratung kommt bei einer Studie zur Einkommenspolitik bei 1017 einbezogenen Geschäftsführern auf 28 Frauen – das sind drei Prozent. Dass sie zudem deutlich schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen, verstetigt nur eine sich seit Jahrzehnten abzeichnende Entwicklung. Aber bei der Karriere geht es ja auch weder um Intelligenz noch um (Inhalts-)Leistung, sondern vor allem um Präsentations-Leistung, kurz: Selbstdarstellung.

Frauen sind die besseren Anführer

Muss erst die demografische Entwicklung wieder herhalten, die Frauen zu aktivieren? Nein, es sind die Talente der Frauen, es sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die moderne Firmen nutzen können. Die Wirtschaft hat noch gar nicht erkannt, welche Vorzüge Frauen mitbringen. Unternehmen, hört hin: Frauen haben alles, was ihr sucht!

Zum Beispiel ist vieles von dem, was unter den zu erwartenden wirtschaftlichen Bedingungen an Führungsqualitäten gebraucht wird, den Frauen schon anthropologisch in die Wiege gelegt. Vor allem haben sie im Lauf von Jahrmillionen die Bereitschaft und die Fähigkeit entwickelt, die Leistung anderer zu fördern: mit und durch andere erfolgreich sein. Brauchen wir etwas Dringenderes in den Unternehmen? Was Männer erst mühsam lernen, so mancher Testosteronvulkan niemals lernen wird, das haben sie bereits: Organisationstalent, vernetztes Denken, Paradoxien erkennen und handlungsfähig bleiben, soziales Breitbandempfinden, situationsangemessenes Entscheidungsvermögen, Kommunikationstalent mit wechselnden Adressaten, Multitasking, das parallele Lösen vieler Aufgaben.

Gerade das Zirkuskunststück „Die chinesischen Teller“, das Wie-soll-ich-das-alles-gleichzeitig-schaffen-Problem – Mütter haben gelernt, eine kaum noch übersehbare Anzahl von Aufgaben souverän zu erledigen. Sie haben es gelernt, indem sie sich mit Kindern, Schulen, Behörden, Handwerkern und anderen Dienstleistern herumschlugen, die Doppelrolle von Beruf und Mutter austarierten und nebenbei noch soziale Anlaufstation für Bekannte und Verwandte waren. Sie sind hoch entwickeltes Lasttier und erfahrene Psychologin in Personalunion, oder, wie Birger Priddat treffend schreibt, „Geschäftsführerinnen der Familien-GmbH“.

Kriminalität ist Männersache

Mehr noch, die Forschung sagt uns: Während Männer dazu neigen, Probleme mit der Strategie „Überbieten“ zu lösen, steht Frauen eine Vielzahl von Problemlösungsstrategien zu Gebote; ein situationsbunter Zugang, ohne unnötig Verlierer zu produzieren. Frauen denken auf natürliche Weise systemisch. Beachten Sie mal Frauen und Männer beim Besteigen von Flugzeugen. Bei den Männern scheint der soziale Intelligenzquotient in Richtung Körpertemperatur zu sinken. Frauen zeigen hier „Prozesskompetenz“; sie handeln in der Regel vorausschauend, umsichtig, rücksichtsvoll, bemüht, andere nicht zu behindern. Das Verhalten der meisten Männer ist entweder unverschämt oder ungeschickt bis zur Lächerlichkeit.

Frauen haben nicht mehr Gefühle als Männer. Das wird zwar immer wieder behauptet, ist auch von einiger alltagspraktischer Plausibilität, aber zum Glück Unsinn. Sie haben jedoch in der Regel mehr Kontakt zu ihren Gefühlen, lassen sie zu. Neben dem rationalen Zugang gibt es auch das Spüren, das zugelassen wird, das innere Erleben, das eine bisweilen deutlichere und realitätsnahere Sprache spricht als das scheinrationale Gebrabbel männlicher Kognitionsautomaten.

Damit sind Frauen auch sensibler für Beziehungen, für Unterschwelliges, können es zur Sprache bringen und tun es auch. Sie reagieren auf das Frühwarngefühl „Es geht mir nicht gut damit“. Brauchen wir nicht jetzt und überall „Beziehungsmanagement“? Hingegen grenzt der männliche Umgang mit Emotionen bisweilen an Debilität.

In empirischen Untersuchungen wird deutlich, dass der Anteil der Männer mit kriminellen Neigungen immer größer wird. Die organisierte Kriminalität ist sogar eine fast lupenreine Männerdomäne. Mein Vorschlag also: Will man die kriminelle Energie auf den Vorstandsetagen eindämmen, dann gibt es auch dafür eine Lösung: Frauen.

Keine Lust auf Primatenspielchen

Vielfach wird gesagt, wir könnten im Grunde erst dann zufrieden sein, wenn genauso viele weibliche Schwachleister wie männliche Schwachleister Karriere machen. Das sind die alten Gefechte! Es geht nicht darum, „Frauen an die Macht“ zu rufen und Quoten zu verhandeln. Das ist der falsche Weg. Frau Merkel ist in jeder Hinsicht eine Fehlbesetzung; aber sie lebte lange Zeit von einem schier unaufzehrbaren Frauenbonus. Es geht nicht um Proporz – es geht um strategischen und kompetenzgerechten Personaleinsatz. Und natürlich gibt es nicht „die Frauen“, genauso wenig, wie es „die Männer“ gibt. Aber es gibt Unterschiede. Frauen sind nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Sie bringen geschlechtsspezifische Fähigkeiten mit, haben soziobiografisch anderes im Gepäck, was sinnvoll eingesetzt werden kann. Überall da, wo kommunikatives Handeln erfolgskritisch ist, da gehören sie hin. Vor allem also in die Führung.

Ja, Frauen sind oft zu klug, sich den archaischen Positionskämpfen im Primatenrudel auszusetzen. Sie sagen sich: Spielt ihr Männer mal eure Spielchen, macht euch doch kaputt – zur Belohnung dürft ihr dann auch früher sterben. Ja, Frauen sind oft nicht so zielverbissen wie wir, weil sie das Miteinander und den gemeinsamen Weg mindestens so schätzen wie das bloße Ankommen. Ja, Frauen glauben häufig, sie müssten keine Karriere fordern, ihre Leistung spräche schon für sich und müsse nicht weiter präsentiert werden. Ja, Frauen fehlt es an Imponiergehabe, an souveräner Parkettfähigkeit, an ? kurz: was man eben so braucht und wir Männer eben haben. Deshalb kommen sie zwar immer häufiger ins mittlere Management, aber selten darüber hinaus. Deshalb sind nur zehn Prozent aller Führungsjobs von Frauen besetzt. Deshalb liegt die Zahl der Frauen in Toppositionen noch niedriger: bei etwa drei Prozent. Deshalb?

Der Männer-Klub

Vielleicht sind sie ja Täter – sie lassen uns männlichen Selbstzerstörern gerne den Vortritt. Vielleicht sind sie Opfer – der berühmten Glasdecke, der Mutterfalle, der neuen „Mädchenfalle“ (Annette Anton). Wie dem auch sei – das ist allenfalls der Vordergrund. Dahinter arbeitet eine weitgehend unbekannte Psychodynamik. Dahinter arbeitet die Kampfgemeinschaft solidarischer Brüder – der Klub. Und bevor Sie sich jetzt winden und das verschwörungstheoretische Gott-sei-bei-uns murmeln, bitte ich Sie (vor allem als Mann) um einen Moment der Selbstbeobachtung.

Das Besondere an unserem Klub ist nämlich, dass wir gar nichts von unserer Mitgliedschaft wissen. Es wurde kein Schwur abgelegt, es gab kein Aufnahmeritual, kein Mitgliedsbuch existiert, keine Mitgliedsnummer, nichts. Unser Mannsein reicht. Darüber hinaus gibt es nur eine Übereinkunft, ein heimliches Einverstandensein: Wir treten nicht mit Frauen in Konkurrenz! Deshalb kämpft der Klub nicht gegen Frauen, er lässt den Wettbewerb einfach ausfallen! In den Augen des Klubs sind Frauen nämlich vor allem eins: anders.

Sie sind Spezies von einem anderen Stern, laufen „außer Konkurrenz“. Auf Frauen beziehen wir uns nicht, mit denen vergleicht „Mann“ sich nicht. Man vergleicht ja auch nicht Unvergleichliches. Sollte doch mal eine Frau irrtümlich einem Mann vorgezogen werden, dann verdankt sie es nicht ihrer Leistung, sondern ihrem Anderssein. Deshalb erleiden wir Männer in diesen Fällen auch keine Niederlage. Wir beugen uns schlicht einem Irrläufer der Evolution.

Frauen machen die Preise kaputt

Die Macht des Klubs kann man täglich erleben: Männliche Manager reden keineswegs schlecht über ihre weiblichen Kollegen, sie reden gar nicht über sie. Oft hat man den Eindruck, es gäbe keine einzige Frau im Management. Und eben, weil die Mitgliedschaft im Klub unbewusst ist, ist sie feiner gewebt, insofern wirkungsvoller und stabiler. Sie hat aber den gleichen Effekt wie die berühmten Zitierkartelle: Wer nicht zitiert wird, fällt irgendwann aus der Suchmaschine.

Schlägt man gar eine Frau für ein Vorstandsmandat vor, dann ist nicht ein erhöhter Rechtfertigungsdruck das Problem, sondern die Überwindung der Schrecklähmung. Man ist derart überrascht, dass man gar nicht erst ernsthaft in die Diskussion einsteigt. Was wiederum so überraschend nicht ist: Die Situation, dass Mann und Frau konkurrieren, ist stammesgeschichtlich neu. Die Arbeitsbereiche waren über Tausende von Jahren getrennt und sind es vielfach gegenwärtig noch. Sowohl von den phylogenetischen wie von den historischen Voraussetzungen ist es ein Novum, dass die Geschlechter konkurrieren.

Hinzu kommt natürlich, dass ein etwaiger Wettkampf unfair wäre. Es herrscht einfach keine Chancengleichheit. Erstens sind Frauen billiger; was uns die Preise kaputt macht (in Deutschland heißt das nicht „Wettbewerb“, sondern „Dumping“). Zweitens sind sie uns meistens überlegen – wahrscheinlich einfach deshalb, weil sie härter lernen mussten. Überblickt man neuere Studien, dann sind Frauen als Investoren besser, als Konsumenten einflussreicher, als Unternehmerinnen erfolgreicher und als Managerinnen teamfähiger als wir Männer.

Männer schützen "ihren" Arbeitsmarkt

Und da Wettbewerb – auch das gibt es nur in Deutschland – immer „ruinös“ ist, liegt es nahe, Märkte zu schützen. Das tun wir, indem wir Frauen als Konkurrenten einfach ignorieren. Wenn das nicht mehr hilft: verniedlichen. Und dafür sorgen, dass Elternschaft weiblich bleibt; spätestens das hält die Konkurrenz draußen. An dem Klub wird auch Frau von der Leyen (glücklicherweise) scheitern, die Männer mit der finanziellen Möhre zum Teilzeit-Vatersein dressieren will.

Natürlich widerstrebt es mir als intelligentem Menschen, von „der“ Frau und „dem“ Mann zu reden, gar von einem Klub „aller“ Männer, aber wie soll man diskutieren? Und es gibt sie ja auch, einige von uns, die den Klub verraten und Frauen den Vortritt lassen. Die mindestens für eine weibliche Nachfolge sorgen – bewusst entschieden, nicht nur mangels männlicher Alternative. (Wir sollten überlegen, ob das nicht unter das Antidiskriminierungsgesetz fällt.) Ein Problem bleibt dabei allerdings ungelöst: Auf den Vorstandsetagen gibt es meist keine Damentoilette. Was bei dem allgemeinen Kostendruck nun wirklich gegen sie und für uns spricht.


Kommentar von Reinhard K. Sprenger (17. März 2010, Welt Online: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article6818698/Frauen-koennten-alles-waeren-da-nicht-die-Maenner.html). Der Autor ist Managementberater, Referent und Bestsellerautor („Mythos Motivation“).